Article by Dr. Wolfgang Türk about Kestutis Vasiliunas Exhibition 2008

Kestutis Vasiliunas in the “Projekts Münsterland pART 4”

14.09.2008 – 19.10.2008 KunstVerein Ahlen, Germany

 

Kestutis Vasiliúnas ist ein Reisender zwischen den Welten: Seine Fahrten erreichen Städte, Länder und Kontinente, verbinden unterschiedliche Kulturen und machen Gegensätze zwischen politischen und sozialen Systemen erfahrbar.

Die entstehenden Bilder dokumentieren – einem begleitenden Reisetagebuch gleich – das Gesehene, rücken das einander Entfernte und Widersprüchliche auf begrenztem Format zusammen, um damit eine Aussage zu stiften, die konstatierend, erstaunend, manchmal aber auch mahnend sein kann. Die Figuren seiner individuellen Begegnungen, aufgehoben im Bildgedächtnis der persönlichen Erinnerungen, treten dabei miteinander in einen stummen Dialog, der in seinem Spannungsbogen ein subjektives kritisches Abbild von Welt in nuce ist.

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“Who Cares”. 2008, edition 1, tilt, computer print, coloured woodcut, 140 x 400 cm

Es gibt Werke von Kestutis Vasiliúnas, die in der Verdichtung des Erfahrenen dabei eine humanitäre, anklagende Botschaft  formulieren: “Who Cares” etwa kontrastiert eine afrikanische Frauengestalt in der stammestypischen Landeskleidung mit den entindividualisierten, stereotyp aufgereihten Soldaten einer Spielzeugtruppe, die – wenn auch nicht durch ihre Größe – so doch durch die Reihung ins scheinbar Unendliche eine bedrohliche Präsenz erhalten. Reich an historischen aber auch gegenwärtigen Konnotationen wird hier die Ureinwohnerin, exemplifiziert am Kontinent Afrika, mit der unrechtmäßigen, militanten Usurpation ihres Landes konfrontiert. Es ist diese Polarität von Recht und Unrecht, Macht und Ohnmacht, Gewalt und Friedfertigkeit, die sich als wiederkehrender Topos durch das Werk von Kestutis Vasiliúnas zieht und ihn wenn auch nicht zu einem politischen, so doch zu einem sozialkritischen Künstler macht: einem Künstler, der die Kunst nicht in der ästhetischen Enklave beläßt, sondern sie als Ausdrucksmedium der Sprachlosen und Verstummten definiert und sie in die soziale Verantwortung nimmt, die Missstände der Ungleichheit aufzuzeigen.

Kestutis Vasiliunas. We dress you

“We Dress You”. 2003, edition 1, foil, coloured woodcut, wooden stamps, 180 x 363 cm

Kestutis Vasiliunas. Tattotaly Sexy

“Totally Sexy”. 2003, edition 1, foil, coloured woodcut, wooden stamps, 180 x 476 cm

Bisweilen erschließen sich im Werk von Kestutis Vasiliúnas die Sinnzusammenhänge erst in der Gegenüberstellung, der Zusammenschau motivisch verwandter Bilder, die – wenn auch nicht ausdrücklich als Pendants konzipiert – in der Verwandtschaft von Thema und Komposition deutliche Analogien aufweisen. Die angeschnittene Großfigur der Afrikanerin korrespondiert dabei zum Beispiel mit der gestrauchelten, in eine kreischende Farbigkeit getauchten Frauengestalt, die sich wie eine trendige Schaufensterpuppe, eine Werbeikone des temporären Geschmacks ausnimmt. Die abgedroschenen Phrasen der Warenwelt „We Dress You“ bzw. “Totally Sexy”, noch dazu die identischen, metallenen Folien mit ihrem versprochenen, aber nicht eingehaltenen Spiegeleffekt entlarven die westliche Welt des Konsums als vordergründiges Vexierspiel der Eitelkeiten, aus dem sich der afrikanische Panther – Sinnbild des Wilden, Naturbelassenen und damit Authentischen – nur heimlich davonstehlen kann.

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“Gethsemane 1”. 2008, edition 1, canvas, coloured woodcut, 107 x 299 cm

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“Gethsemane 2”. 2008, edition 1, canvas, coloured woodcut, 107 x 299 cm

Kestutis Vasiliúnas ist ein Wanderer zwischen den Zeiten. Seine Streifzüge durch die Folianten der Kunstgeschichte, Bilderbücher und Postkartenalben entlehnen der Vergangenheit die unterschiedlichsten Figuren und Motive, die geschichtsmächtig und traditionsgebunden als historische Zitate seine Auseinandersetzung mit dem Gegenwärtigen befruchten. Auf die Symbolkraft der Religion vertrauend zitiert Kestutis Vasiliúnas in einem oramentalen Fries den knieenden Christus im Garten von Gethsemane aus einem alten Holzschnitt, um ihn am Rand eines anderen Bildes – fast vertrieben aus der Schöpfung seines Vaters – unter identischem Titel mit den Versatzstücken amerikanischer Urbanität, dem Taxi und dem Werbesignet, zu konfrontieren.  Was sich in “Gethsemane I” noch als eine rein dekorative Begrenzung eines Altars oder Andachtsbildes, vielleicht sogar als Wandgemälde  im Seitenschiff einer Kirche vorstellen läßt, erfährt in dem Pendantbild “Gethsemane II” eine zivilisationskritische Bedeutsamkeit: Die moderne Warenwelt hat keinen Platz mehr für eine religiöse Sinngebung des Daseins, bedarf ihres Heilsbringers nicht mehr und verweist ihn – überflüssig geworden – aus dem Bild, damit aus dem eng begrenzten, ungeistigen Horizont alltäglicher Notwendigkeiten und Banalitäten.

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“We Are All Enemy”. 2008, edition 1, canvas, coloured woodcut, letterpress, 107 x 299 cm

In der Figurenfolge “We Are Enemy” zeigt sich der das Kreuz tragende Christus im Verbund mit einer Mönchsfigur, die aus dem Fresko der italienischen Frührenaissance stammen könnte, und einer Gemeinschaft isoliert platzierter Vertreter unterschiedlichster Kulturen und Religionen. Der fast identische Abstand der Figuren verleitet den Betrachter dazu, die offene Reihe nach beiden Seiten hin fortzusetzen, vielleicht sogar – verbunden durch das allumfassende Band der Nächstenliebe – zur Weltgemeinschaft zu erweitern, deren Hoffen auf ein harmonisches Miteinander der Bildtitel indes zynisch Lüge straft. Als Bewahrerin des Weltfriedens erhebt sich in einem andern Werk “Shephards” die Mutter Gottes als Hüterin der ihrer anvertrauten Schützlinge wie eine aufgehende Sonne über der Horizontlinie. Die fröhlichen Kindergestalten, die sich in ihrer Obhut tummeln, entpuppen sich aber schnell als eine Enfilade von stereotypen, aus nostalgischen Stammbuchblättern oder Postkarten entlehnten Papierfiguren, die in ihrer adretten Uniformität ausschließlich die wohlgenährte Seite der Wohlstandsgesellschaft repräsentieren.

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“Shepherds”. 2008, edition 1, canvas, coloured woodcut, 107 x 299 cm

Der Dualismus, die polare Zuordnung zweier Themen in einem zumeist spannungsvollen Widerspruch, spiegelt sich auch in der Anlage und Komposition der Arbeiten von Kestutis Vasiliúnas wider. Eine scharf gezogene Mittellachse teilt die Arbeiten in zwei Hälften von zumeist unterschiedlicher Farbigkeit. Die in Holzdruck reproduzierten Gestalten reihen sich dabei an der Demarkationslinie auf, nutzen sie als Standfläche, verbergen sich  wie einer Abschirmung hinter ihr oder negieren sie gar als Raum beherrschende Ganzfiguren. Diese immer wiederkehrende lineare Konstruktion verleiht den Figuren nicht nur Halt und Sicherheit und evoziert eine Räumlichkeit des Vorder- und Hintergrunds, sie begreift sich in einigen Werken auch als Suggestion des Zeitenlaufs, an dem Kestutis Vasiliúnas die Epochen durcheilt. In „Three Women’s“ etwa verweist die linksseitig positionierte Dame im weißen Kleid, Bildzitat aus einem Reiseprospekt um 1910, auf das beginnende, das moderne Sommerkleid in der rechten Bildhälfte auf das Ende des 20. Jahrhunderts, während die Afrikanerin in der Mitte als Wiederaufnahme der Gestalt aus “Who Cares” in  ihrer  zeitlosen Landestracht den ewig aktuellen, sozialen Antagonismus von nördlicher und südlicher Hemisphäre anmahnt.

Zwischen alter und neuer Welt, Zentren des Überflusses und sozialen Brennpunkten, findet Kestutis Vasiliúnas seine Bildthemen, die er im Wandel der Zeitäufte, im Spannungsbogen von Tradition und Moderne verfolgt und figurativ exemplifiziert. Seine Gestalten sind in ihrer stillen Zuordnung keine Individuen (einige von ihnen beschränken sich ja ausschließlich auf den Korpus) sondern vielmehr Ausdrucks- oder Ideenträger, denen –nicht zuletzt bedingt durch die Anwendung eines Jahrtausende alten Reproduktionsverfahrens, des Holzdrucks, den der Künstler für die moderne Ausdrucksmedien nutzbar zu machen versteht – eine überzeitliche Identität und Größe zuwächst.

Dr. Wolfgang Türk

 

© Circle “Bokartas”, Kestutis Vasiliunas

 

 

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